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Die Ruderin Nadja Drygalla ist mit Michael Fischer zusammen. Grundsätzlich wäre die Rostockerin der Mehrheit der Deutschen kein Begriff. Die Olympioniken ist aber derzeit in aller Munde und zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich, als ihr lieb sein dürfte. Ihr Partner ist nämlich NPD-Funktionär und Direktkandidat für die Landtagswahlen 2011 in Mecklenburg-Vorpommern gewesen.

Darf eine Person, die Deutschland bei Olympia 2012 vertritt, einen rechten Partner haben und darüber hinaus in rechten Kreisen verkehren? Die Beziehung zu einem Nazi und die Tatsache, dass Drygalla wegen ihren persönlichen Verstrickungen auch vom Polizeidienst zurücktreten musste, war schon vor Beginn der Olympischen Spiele klar. Der Landesruderverband wusste dies wahrscheinlich, aber hat Drygalla trotzdem, in der Hoffnung, dass das schon nicht rauskommen würde, zu den Olympischen Spielen geschickt. Das ist der eigentliche Skandal.

Michael Fischer ist jemand, für den Granaten gegen Demokraten ganz legitim sind. Mit seiner Gruppe, den Nationalen Sozialisten Rostock, greift er bei Demonstrationen regelmäßig Journalisten tätlich an. Mehrere Sachbeschädigungen und Nazi-Schmierereien gehen auf das Konto von Fischer, der eine tragende Rolle bei den Nationalen Sozialisten Rostock spielt.

Antisemitische, ausländerfeindliche und homophobe Äußerungen gehören zum Standardrepertoire des Neonazis. Es ist schwer vorstellbar, wie ein Mensch, der angeblich auf dem Boden des Grundgesetztes stehen und ein Demokrat sein soll, mit so einem Menschen zusammen sein kann.

Deuschland wurde gerade von der NSU-Mordserie und den Verstrickungen des Verfassungsschutzes in diesen barbarischen Akt geschockt. Welches Bild gibt man international und national, insbesondere gegenüber den geschockten Migranten, ab, wenn man eine Person wie Drygalla als Repräsentantin Deutschlands zu den von der Weltöffentlichkeit mit Spannung verfolgten Olympischen Spielen schickt?

Pikantes Detail am Rande: Fischer hat Anfang diesen Jahres mit seinen Kameraden versucht, die Gedenkkundgebung für die Opfer der NSU-Mordserie zu stören und die Kundgebungsteilnehmer anzugreifen. Dabei wurde er bei diesem Versuch von der Kamera aufgenommen.

Das Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet Isleri Bakanligi) ist für die Verwaltung der 85.000 Moscheen in der Türkei und die Ausbildung der Imame zuständig. Sie kommt für die Grundsteuer, Strom- und Wasserkosten der Moscheen auf. Der Schwerpunkt der religiösen Arbeit des Diyanet liegt im sunnitischen Islam.

Das Diyanet erkennt die Aleviten nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft an. Die Aleviten sind nach Ansicht des Diyanet lediglich eine mystische Auslegung des Islam bzw. eine Untergruppe innerhalb des Islam. Im Islam gebe es nur die Moscheen als Religionsstätten. Die Aleviten gehen aber nicht in die Moschee, sondern halten ihre religiösen Rituale in ihren Cem-Häusern ab.

Sie beklagen, dass es beim Bau solcher Cem-Häuser in den Genehmigungsverfahren oft Schwierigkeiten gibt und dass das Diyanet nicht die Strom- und Wasserkosten übernimmt, obwohl sich das Budget des Diyanet auch aus ihren Steuergeldern in der Türkei zusammensetzt.

Seit 2003 ist es für türkische Kommunen möglich, auch andere Religionsstätten anzuerkennen. Die städtebaulichen Regelungen stellen aber in der Praxis oft ein Problem für religiöse Einrichtungen dar. Letztendlich hängt dieses Recht auch von der Entscheidung des jeweiligen Bürgermeisters und der öffentlichen Verwaltung ab. Alevitische Vertreter beklagen, dass es für die bis zu 25 Millionen Aleviten lediglich 100 Cem-Häuser in der Türkei gibt. Dies reiche für die religiösen Bedürfnisse der Menschen nicht aus.

Entweder wird das Diyanet in Gänze abgeschafft, da die Türkei laut Verfassung ein laizistischer und kein sunnitischer Staat ist, oder es wird eine Art Moscheesteuer, ähnlich wie in Deutschland mit der Kirchensteuer, eingeführt und die Aleviten können sich von dieser Steuer befreien lassen. An einem Diyanet, das sich in die Belange der Aleviten einmischt und sie zu assimilieren versucht, haben die Aleviten in der Türkei kein Interesse.

Während das Diyanet übrigens die Aleviten in der Türkei nicht anerkennt, schickt sie nach Deutschland eigene „alevitische“ Gelehrte, die den in Deutschland lebenden Aleviten ein verfälschtes Alevitentum beibringen sollen. An so einem Diyanet, der sich widersrpüchlich verhält und die Menschen zu assimilieren versucht, kann niemandem gelegen sein.

Morgen wird es aufgrund der fundamentalistischen Angriffe auf eine alevitisch-kurdische Familie in Malatya zu Demonstrationen vor den Türkischen Konsulaten einiger Städte in Deutschland kommen. In Hamburg beginnt die Demonstration beispielweise um 9 Uhr.

Das Massaker in Sivas, bei dem 35 Menschen durch ein von einem radikalen Mob gelegtes Feuer umgekommen sind, ist 19 Jahre her. Unter den Opfern, die sich zum alevitischen Pir-Sultan-Abdal-Festival in Sivas getroffen hatten, waren fast ausschließlich Aleviten. Damals wurden die Aleviten vom Staat im Stich gelassen und fühlten sich machtlos.

19 Jahre sind nun vergangen. Dieses barbarische Verbrechen hat dazu geführt, dass sich die Aleviten in Deutschland und der Türkei zusammengetan und Vereine gegründet haben. Noch einmal sollte so ein Massaker nicht geschehen.

Am Wochenende kam es in der türkischen Provinz Dogansehir zu Übergriffen von 500 Menschen auf eine alevitisch-kurdische Familie, da diese im Fastenmonat Ramadan nicht gefastet hat. Wieder hat sich ein aufgeregter Mob vor dem Haus versammelt und unter anderem „wir werden euch wie in Sivas verbrennen“, skandiert. Der Dorfbürgermeister forderte die Familie im Einklang mit dem Mob auf, das Dorf zu verlassen. Die Polizei, die sonst mit Demonstranten alles andere als zimperlich umgeht, ist erschreckend passiv. Die Aleviten in Deutschland und Türkei sind in Aufruhr.

Eine alevitisch-kurdische Familie befürchtet derzeit in der türkischen Provinz Dogansehir (Stadt Malatya) ein Massaker. Eine Gruppe von 500 Menschen hat sich nämlich seit zwei Tagen vor dem Haus der Familie versammelt und droht der Familie, sie zu verbrennen. Der Mob hat mit Steinen die Fensterscheiben des Hauses eingeschlagen – die Familie ist seit zwei Tagen in den eigenen vier Wänden eingesperrt.

Wieso der ganze Hass? Seit dem 20. Juli ist der Fastenmonat Ramadan angebrochen. So wie alle Aleviten, fastet auch die alevitische Familie in Dogansehir nicht. Der Bürgermeister des Dorfes stellt sich nicht auf die Seite der Familie, sondern auf die Seite der Fundamentalisten. Er fordert genau wie der Mob die alevitische Familie auf, das Dorf zu verlassen.

In einem Land, das in die Europäische Union möchte, sich als Demokratie bezeichnet und laut Verfassung „laizistisch“ ist, muss es möglich sein, von seinem Recht auf Religionsfreiheit Gebrauch zu machen.

Der Staat muss dafür Sorge tragen, dass niemand wegen seinem Glauben diskriminiert oder verfolgt wird. Er muss dafür sorgen, dass alle Menschen ihren Glauben leben dürfen. Der Staat muss insbesondere dann, wenn er sich als „laizistisch“ bezeichnet, jede Religionsgemeinschaft gleich behandeln. In der Türkei sehen und sahen die Dinge leider schon immer anders aus. Die Aleviten können ein Lied davon singen.